Die Natur

der Dinger 

"Leblos fühlen sie sich an. Und das, obwohl ich so lebendig tanzend mein Leben gestalte. Ich bin leichtfüßig. Immer vorwärts. Nicht trauern, tun. Was sollte ich auch tun? Der Krebs ist Teil meiner Natur. Meiner Genetik. Geht nicht, gibt’s nicht. Ich war immer gesund, stark, schön. Das bin ich heute – wieder schön gesund und noch ein bisschen stärker. 

 

Die Natur nimmt ihren Lauf. Ich habe einen Teil meiner Natur abgenommen. Meine Brüste. Böse Brüste? Keine Brüste? Die Form ihrer ist da, der Inhalt ist ein anderer. Und auch der Inhalt meines Lebens veränderte sich mit meiner Krebsgeschichte. Aus der Zahnarztpraxis verschlug es mich nach Hause. Hausarbeit. Handarbeit. Echte Arbeit? Zwischen Rechtfertigung, Trauertränen und Lebensmut pendelte sich ein neues Ich ein. Weniger Ängste, mehr Stärke. Sechs Mal Chemo. Ganz alleine, mit dem Bus zur Bestrahlung. 33 Mal hin und her. Innerhalb von zehn Jahren habe ich das zweimal gemacht. Ich bin nicht die Gleiche – und meine Brüste sind es auch nicht mehr. 

 

Alles kommt, manches geht. Alles ist in Bewegung. So wie ich und mein Mann des Abends zum Tanze. Beschwingt, bewegt, begeistert. Ich lebe mein Leben heute gern, auch wenn sich meine Natur verändert hat. Ein Defekt in meinem Erbgut. Gut so – denn so kann ich nicht böse sein auf einen falschen Lebensstil. Macht es die Sache besser? Erbgut gut, alles gut? Ich weiß es nicht. Die Narben auf meinen Brüsten und auf meinem Rücken erzählen eine andere Geschichte. Und doch heilen sie. Bringen Ruhe, Normalität und Sicherheit. 

 

Ich habe zwei Brüste. Die vor vielen Jahren zwei gesunde Töchter genährt haben. Die vorfreudig voranzeigten, als wir die DDR in Richtung Bayern verließen. Dort wo der Blick hingeht, dort schauen auch die Brüste hin. Ich schaue auf meine Brüste. Die Haut ist taub. Doch meine Lust im Hier und Jetzt zu sein ist vollkommen lebendig. Ich habe zwei Brüste. Zwei neue Brüste. Die Zeit der alten war gekommen. Und so nimmt die Natur ihren Lauf. Das ist meine Natur der Dinger." 

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Katrin ist mit 46 Jahren zum ersten Mal an Brustkrebs erkrankt. Aus heiterem Himmel. Als die Zahnmedizinerin nach fast 10 Jahren bereits als geheilt gilt, folgt die zweite Krebsdiagnose und die Gewissheit, dass in ihrer DNA ein Gendefekt sitzt, der den Brustkrebs verursacht. Zweimal wurde sie von ihrem Ehemann operiert, der selbst Gynäkologe ist und ihr viel Sicherheit schenkt.

 

2019, als sie 59 Jahre alt ist – die dritte Diagnose eines bösartigen Tumors in der Brust und die Entscheidung, das Brustgewebe zu amputieren. Da es nach der Amputation zu einer Wundheilungsstörung kommt, müssen die Implantate ausgetauscht und Haut transplantiert werden. Über diese Zeit durfte Luise Aedtner sie fotografisch begleiten.

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Lara Leonie Keuthen