Portresie de femme — we write

HERstory

Luise Aedtner und Lara Leonie Keuthen, Fotografin und freie Redakteurin, sind gemeinsam immer wieder auf der Reise, um Frauen und ihre Geschichten in feinfühliger und einmaliger Weise zu porträtieren.

Sie kreieren durch Wort und Bild Momentaufnahmen, die uns eintauchen lassen in den wunderschönen Kosmos jeder einzelnen Frau, die ihnen begegnet.

Roots to rise  

"Linien, so lieblich fein wie ein Kuss von dir. Ecken, Kanten, Rundungen, Kurven. Die Hände fahren über die glatte Oberfläche. Balsam für die Seele. Jedes Stück Holz erzählt eine eigene Geschichte. Hunderte von Jahren strecken sich die Stämme dem Licht entgegen – bevor wir sie finden und zeitlos schöne Stücke daraus fertigen. Holz ist warm, weich, stark, flexibel. So wie wir es sind. Zwischen Pflegeberufen und Tischlerinnen-Werkstatt, haben wir unsere Berufung gefunden. Gemeinsam."

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Freiheitsfall

"Die Devise? Krise. Ich habe ein Faible für Krisen. Nicht die kleinen Alltags-Krisen, wie den verpassten Zug oder den kalten Kaffee. Mich faszinieren Lebenskrisen. Richtig große Umbrüche, Momente, in denen wir fallen. Und am Boden ankommen. Manchmal schnell, manchmal ganz langsam. Dabei ist der Bodenkontakt die Essenz. Das unten ankommen. Wir sinken herab, wie ein kleiner Kieselstein, der vom Meer verschlungen wird. Und unten, am Grund gelandet, haben wir die Möglichkeit, uns wieder abzustoßen. Wir haben nicht immer die Kraft – aber im Grunde genommen die Chance dazu. Ich habe viele dieser Krisen durchlebt. Mal liegend, mal sitzend. Mein Aufstehen ist anders als deines. Wenn ich wieder aufstehe, dann vom Krisenboden empor. Stolz, stark, schön. Doch bis dahin war es ein langer Weg."

Halt in

meiner Vielfalt

"Die Finger auf meiner Handinnenfläche kreisen flüchtig wie die Erde um die Sonne. Doch erzählen sie Geschichten. Geschichten aus meinem eigenen Kosmos. Jede Linie auf meiner Hand erzählt eine eigene. Diese Hände haben viel begriffen in meinem Leben. Noch heute spüre ich die Finger meiner Großmutter, wie sie mir und meinen Geschwistern des Abends auf ihrem kleinen Hof im ländlichen Afghanistan Geschichten auf unseren Händen erzählte. Wir hatten keine Bücher – aber genug Fantasie. Ich war 3 ½ Jahre alt, als wir Afghanistan verlassen mussten. 

 

Eine Hand, jede Fingerkuppe, jede Linie ist individuell. Es gibt sie nur einmal, passend zu jedem Menschen. Blicke ich in meine Hände, so kann ich meine eigene Identität nicht an fünf Fingern abzählen. Und auch meine Geschichte verläuft nicht in einer geraden, klaren Linie. Ich fühle mich in Deutschland mittlerweile Zuhause, habe meine Wurzeln in Afghanistan, dem Herzens Asiens. Und doch steckt meine Seele manchmal irgendwo dazwischen. Zwischen den Welten, den Lebensabschnitten, den einschneidenden Erlebnissen."

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Die Natur

der Dinger 

"Leblos fühlen sie sich an. Und das, obwohl ich so lebendig tanzend mein Leben gestalte. Ich bin leichtfüßig. Immer vorwärts. Nicht trauern, tun. Was sollte ich auch tun? Der Krebs ist Teil meiner Natur. Meiner Genetik. Geht nicht, gibt’s nicht. Ich war immer gesund, stark, schön. Das bin ich heute – wieder schön gesund und noch ein bisschen stärker. 

 

Die Natur nimmt ihren Lauf. Ich habe einen Teil meiner Natur abgenommen. Meine Brüste. Böse Brüste? Keine Brüste?

Die Form ihrer ist da, der Inhalt ist ein anderer. Und auch

der Inhalt meines Lebens veränderte sich mit meiner Krebsgeschichte."

Der Atem meiner Malerei

"Ist es eine Kunst, darauf zu vertrauen, dass immer die richtigen Menschen in mein Leben kommen? Wo fängt Urvertrauen an? Und wo hört Selbstermächtigung auf?

 

Als kleines Mädchen, Jugendliche, junge Frau schmerzte mein Kopf unbewusst jeden Tag. Mein Körper schickte mir über Jahre Signale, sprach zu mir. Doch weder war ich in der Lage auf meinen Körper, noch auf meinen Atem zu hören. Nach dem Abitur begann mein selbstbestimmtes Leben. Ich schwor mir, ab sofort nur noch das zu tun, was ich wirklich will. Ich ging voran, zielstrebig, perfektionistisch. Ich arbeitete kreativ, inszenierte wunderschöne Welten mit Farben, Stoffen, Möbeln. Als Freiberuflerin gelang ich zu renommierten Zeitschriften und Magazinen. Mein Jugendtraum wurde Realität. Immer begleitet von Menschen, die zufälliger kaum in mein Leben hätten kommen können. Wichtige Menschen, die mir den Weg ebneten. Darunter wundervolle Frauen, die an mein Potential glaubten, das ich selbst gerade erst entdeckte."

The sound of an unknown dream

"Die Erde ist eine Scheibe. Tiefschwarz. Oder mal Blau. Bunt bespielt. Aus allen Himmelsrichtungen klingend. Die Erde ist eine Scheibe. Sie dreht sich, immer wieder. Endlos? Während die feine Nadel auf der platten Scheibe entlang gleitet und sich im Drehen des Kreises die Spur im immer gleichen Rhythmus verändert, weiß ich, dass alles, was ich heute tue, mein Traum ist. Ohne, dass ich es vorher wusste. Ich weiß, dass Dinge passieren, sich verändern und dass jeder neue Schritt eine Melodie erzeugt, ein Geräusch, einen Nachklang. Ob ich morgen noch so tanze wie ich es heute mag? Wer weiß das schon. Meine Ge-wissheit liegt darin, dass Musik mich durch jede Lebensphase begleitet hat, begleiten wird und dabei ein Bindeglied ist."

Sex-Positivismus:

fuck as you are!

Schmuddel-Image, gesellschaftliche Rollenbilder oder stereonorme Klischees. Der klassische Sexshop ist alles andere als ein Ort der Begegnung auf Augenhöhe. Und schon gar nicht ein Raum, in dem Sexual Empowerment entsteht. Geht das noch anders!? Rosa Schilling hat in Hamburg, gemeinsam mit den drei Gefährt*innen Fränky, Florian und Zarah, vor rund zwei Jahren Deutschlands erstes Sexshop-Kollektiv gegründet und einen passenden Laden dazu eröffnet. Wir haben einen Nachmittag mit Rosa verbracht – um mehr über die Arbeit eines feministischen und sexpositiven Shops zu lernen. Denn das Kollektiv zeigt auf einfühlsame Art, wie vier unterschiedliche Menschen gesellschaftlich geprägte Bilder aufbrechen, selbstbestimmte Sexualität in die Welt bringen und über Gleichstellung mit alten Konventionen brechen.

Im Licht meines Schattens

"Ein Raum. Voller Menschen. Voller Chemie. Voller Schicksale. Ich bin nicht wie sie. Und doch haben wir etwas gemeinsam. Ich möchte wegrennen und zeitgleich weiß ich, dass ich keine Wahl habe. Die Chemo läuft durch meinen Körper. Mal wird mir schlecht, mal heiß, mal fühle ich mich, als ob ich jeden Moment eine Grippe bekomme. Dabei habe ich doch bereits eine schwere Krankheit.

 

Eine Krankheit, die Grenzen überschreitet. So wie ich – damals. Mit dem Saxophon um den Hals, dem Mikrofon in der Hand. Grenzen, die bunt waren, leuchtend, berauschend. Immer wieder neue Ereignisse, Menschen. Ich singe, liebe, tanze, bin frei. Und achte doch zu wenig auf mich, schlucke vieles runter. Bis ich nicht mehr schlucken kann."