ROLLENRAUSCH

"Welche Rolle spiele ich in meinem eigenen Leben?

Es gibt Tage, da sitze ich weit außen, in sicherem Abstand, und fühle mich, als gäbe ich nur Regieanweisungen. Regieanweisungen an mich selbst im eigenen Alltag. Ich stehe neben mir. Bewusst. Reflektiere und beobachte. Du sollst heiraten, haben sie gesagt. Kinder bekommen, ein Haus bauen, einen guten Beruf ausüben. 

 

Ich will frei sein. Mich künstlerisch ausdrücken durch meine Filme. Unabhängig von allem – außer meiner Kreativität und der Kraft, die ich freisetze, wenn ich mich einsetze. Für Menschen wie mich. Für eine selbstbestimmte Sexualität. Für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von BIPOC. »Sie will, was sie will«. Ein just veröffentlichter Dokumentarfilm von mir. Ich zeige Frauen in ihrer sexuellen Selbstermächtigung. Von 25 bis 70 Jahren. Auch ich will, was ich will. Einfach so. Aus mir heraus. Ohne Konventionen. 

 

Ich will das ganze Leben.

Ohne fremd auferlegte Regeln. 

 

Nur zu Tisch sprechen meine Eltern und ich die gleiche Sprache. Essen verbindet. Doch das tollste, vietnamesische Gericht ist irgendwann verspeist. Und dann hungere ich nach einer echten, aufrichtigen Verbindung, die über den Tellerrand hinausgeht. Ich darf Tochter sein, Frau behaftet mit Erwartungen. Nicht mehr, nicht weniger. Aber das ist nicht die Rolle, die ich mein Leben lang spielen will. Ich schüttle mich frei. Und lerne, zwischen Heimweh, Abschiedsschmerz und Identitätsschätzen, wer ich sein kann. Als viet-deutsche Frau in der Filmbrache. 

 

Das Leben ist ein Rollenrausch. Meine Seele vibriert in allen Farben, bei all den Rollen, die ich spielen soll und sein möchte. Familie, Freund:innen, Filmschaffende. Ich mäandere zwischen all dem, was ich erreichen kann und der Frau, die ich eines Tages bin. Manchmal durchströmt mich Angst vor all den großen Themen der Welt. Aber dann rücke ich meinen Regiestuhl ein paar Zentimeter zurück, betrachte das große Ganze und stürze mich, gezielt und achtsam, in die kleinen, feinen Momente des Lebens. Ich will Menschen und Geschichten eine Bühne geben. Perspektiven verändern. Wachrütteln. Zum Innehalten anregen. 

 

Um eines Tages, innen wie außen, einfach ich zu sein." 

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Le Nguyen

 

Quynh Le Nguyen ist Studentin an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Die angehende Regisseurin ist Gründerin und Initiatorin der @bipoc.hffmuenchen – einer Student:innenorganisation, die anderen BIPOC Mut und Perspektiven für den Start in der Filmbranche bietet. Die Gruppe setzt sich für eine multiperspektivische und rassismuskritische Filmlandschaft ein.